Willkommen

Silent Cartoon © Michal Obszarski
Wegen widersprüchlicher Zeugenaussagen wurde die Suche
nach dem Sinn des Lebens offiziell eingestellt.

Silent Cartoon © Michal Obszarski

D
ie großen Geschehnisse, die jeder sowieso wahrnimmt, werden medial mehr als ausreichend „ausgeschlachtet“. Meine Texte – die vielleicht den Namen „Aphorismen“ tragen sollen – sind vor allem den kleinen Themen, die meistens nur ein Schattendasein in unserem Gedächtnis fristen, gewidmet.

Viel Vergnügen beim Lesen!
Michal Obszarski

Versteck


ein Smartphone? Du bist wie diese japanischen Soldaten, die im Dschungel nicht mitbekommen hatten, dass der Krieg vorbei war.

Es stimmt. Ich bleibe in meinem Versteck, obwohl es nicht viel zu verteidigen gibt: ein paar verstaubte Prinzipien, einige ausrangierte Ideale, einen eng verschnürten, altmodischen Kulturbeutel mit der verblichenen Prägung Intimes auf der Rückseite und ein ausgeleiertes Spielzeug-Labyrinth, in dem sich selbstständige Gedanken so gerne verlaufen.

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Minarette

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elche Rolle spielt es schon, dass auf unserem Kontinent immer neue Moscheen entstehen? Ihre Minarette schießen doch in den – für uns – leeren Himmel.

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Märchen

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iese blödsinnigen Märchen, ich hasse sie einfach. Das Küssen eines Frosches zum Beispiel, was soll das bitte bringen?
Wie auch die anderen Lurche, hält er bestimmt nichts von den seltsamen Annäherungsversuchen eines riesigen, warmen Wesens niederer Herkunft.

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Smartphone

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as Smartphone verwandelt meine Handfläche in ein Nest, es sitzt dort wie ein Küken. Gefüttert wird es rund um die Uhr mit meiner Aufmerksamkeit. Und es wird ständig mit den Fingern der anderen Hand zärtlich gestreichelt, die Hände erkennen nicht, dass es sich um eine Kuckucksbrut handelt.

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Berichterstatter

Z
ugegeben, wir haben die ursprüngliche Berichterstattung etwas frisiert. Das war aber auch notwendig. Unsere vier Reporter waren sich in vielen Punkten nicht immer einigt. Vor allem haben sie die Jungfrauengeburt nicht ausreichend betont – als ob sie nicht gewusst hätten, dass in der medialen Karriere selbst das uneheliche Kind eines Alpha- und Omega Promis viel bessere Karten hat als jeder Handwerkersohn.

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Hohe Ziele

J
ede Gemeinschaft braucht hohe Ziele: die Rettung der Welt, die Verteidigung eines Wertesystems oder zumindest einen geteilten ……….Glückspielgewinn. In der Gruppe schmeckt auch der kleinste Erfolg besser, aber vor allem die Enttäuschung der Anderen lindert wirkungsvoll den Schmerz der eigenen geplatzten Träume.

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Zufälle

E
s fällt mir schwer, an Zufälle zu glauben.
Viel mehr überzeugt mich die Theorie der Vorbestimmung. Ich mag die Vorstellung von unsichtbaren Fäden, in denen sich unsere Schicksale verfangen: Klebrige Fäden unterschiedlicher Stärke und Länge, die man am besten zum Schwingen nutzen sollte, bevor sie eines Tages reißen.

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Weg

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er Weg ist das Ziel
?
Das trifft womöglich beim Bau einer Autobahn zu. Mein Ziel liegt woanders – am Horizont, dieser fiktiven Linie zwischen dem Himmel der erhobenen Erwartungen und dem Flachland der trivialen Fabrikation.

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Konsum

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er exzessive Konsum zählt zu den positiven Erscheinungen der Endzeitstimmung. Die Profis des Social Engineering haben offenbar die richtigen Knöpfe gedrückt. Man soll sich schon was gönnen für die Schweißtropfen, unabhängig davon, ob diese durch ehrliche Anstrengung oder durch die Angst, erwischt zu werden, entstanden sind.

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Wir scrollen

K
eine Seiten werden mehr umgeschlagen, wir scrollen!
Die Lesekultur hat eine Schleife gezogen, sie kam an den Punkt zurück, an dem sie vor Hunderten Jahren die Schriftrollen verlassen hat. Auf der Strecke blieben Millionen Kühe, Ziegen und Bäume, bestattet in Folio, in Quarto oder in Octavo, in den unendlichen Katakomben der Bibliotheksregale. Ich werde die Randnotizen und die Lesebändchen vermissen – aber am meisten die perfekt mumifizierten Blumen, die sich in der Dunkelheit zwischen den Seiten langsam in Figuren aus dem Schattentheater verwandeln und ihren Duft sorgfältig hinter den Buchstaben verstecken.

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Knoten

Ü
berall diese Knoten – in allen Größen zwischen der einer Brezel und der einer Autobahn. Was macht ihren Reiz aus? Die Gewissheit, dass sie nur eine Tarnung oder eine Deviation schlichter, gerader Linien sind? Die spielerische Herausforderung, den Verlauf ihres Gewirrs zu verfolgen? Das Bedürfnis, sie zu lösen, sie zu zerschneiden – oder, im Gegenteil, sie enger zu ziehen?

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Pfeilspitze

V
ersteigert wird eine Pfeilspitze aus einem ionischen Grab.
Sie blieb dort bis dahin in dem exakt umrissenen Raum stehen, während Achilles und die Schildkröte ihre Strecken entlang der komplexen Mäander der Geschichte unermüdlich halbierten.

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Untersuchung

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as Gemälde wurde genauestens untersucht.
Wir haben es unter ultraviolettem Licht betrachtet und mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Es liegt weder an der dünnen Schicht Ölfarbe noch an dem bescheidenen Leinen, dass der gefolterte Idealist, von dem wir nicht einmal wissen, ob er tatsächlich Vollbart trug, viele Betrachter zu Tränen rührt. Die Untersuchung muss fortgesetzt werden.

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Heimat

G
eburtsort
, Heimat, Vaterland.
Die gleichen, überbewerteten Koordinaten des biologischen Zufalls, überlebenswichtig für Lachse, Wandervögel – und vielleicht noch für einige Säugetiere mit besonders ausgeprägten sentimentalen Neigungen.

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Schaukelpferd

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as alte Schaukelpferd verstand meine Befehle sofort, es hat gereicht, sich leicht nach vorne zu beugen und schon setzte es zum Sprung an – und das ohne Doppelkernprozessor und ohne Touchscreen. Und es wurde blitzschnell und umweltfreundlich aufgeladen – mit lediglich einer kleinen Prise Fantasie.

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Schulmassaker

S
chulmassaker haben zurecht einen schlechten Ruf.
Wenn man die übergewichtigen, geschmacklos gekleideten Angehörigen der Opfer so theatralisch heulen sieht, wird klar, dass es schon wieder die Falschen getroffen hat. Was kann man aber von den Teenagern verlangen? Allein den Umgang mit automatischen Feuerwaffen zu erlernen kostet viel Zeit, man muss einen pompösen Abschiedsbrief schreiben und es dauert bestimmt eine Weile, eine ausreichende Menge von Zorn und Hass anzustauen.

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Wort des Jahres

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as Wort des Jahres überrascht mich immer wieder.
Vielleicht, weil ich die Auswahlkriterien des Wettbewerbs nicht genau kenne. Es ist jedenfalls nicht das Wort, das ich am häufigsten höre, und bestimmt nicht deswegen, weil keine obszönen Substantive zugelassen werden. Wir wünschen uns nur insgeheim, dass wenigstens unser Zeitgeist gute Manieren aufweist.

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Odysseus

O
dysseus wäre auch heutzutage zu Ruhm gekommen – obwohl es keine Nachfrage nach listigen Strategien oder Heldentaten gibt und kaum jemand Reiseberichte liest. Selfies von seiner imposanten Brustmuskulatur und seine Weibergeschichten alleine würden schon ausreichen, um ihm mehr Fallowers zu bringen, als er Kampfgefährten vor den Mauern Troias hatte. Und er bräuchte dazu nicht einmal den Hexameter – die Maßstäbe der 140-Zeichen-Epik werden inzwischen von den stotternden Ex-Tennisstars definiert.

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Aristokratie des Geistes

U
nsere Aristokratie des Geistes erinnert immer stärker an Neutrinos:
Je mehr sich ihre Discretio, die „Mutter aller Tugend“, dem theoretischen Model annähert, desto schwächer wird ihre Wechselwirkung mit der Umgebung.

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Elefant

A
m Ende der Vorstellung kam der Elefant in die Manege, auf seinem Rücken zeigte eine Akrobatin mit buntem Parapluie unglaubliche Kunststücke. Mich aber faszinierte sein bissiger Geruch und dass sein riesiges, dunkles Auge so traurig blieb, obwohl sich in ihm tollpatschige Clowns spiegelten.

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Valentinstag

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en Valentinstag liebe ich wirklich, all die Rosen und Schokoherzen. Es macht schon Spaß zuzuschauen, wie die romantischen Erwartungen der Liebsten mit dem in glänzende Folie verpackten Discounter-Schund abgespeist werden.
Das wirkliche Highlight ist aber ihre vorgespielte Dankbarkeit.

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Gottvater

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on allen Darstellungen des Gottvaters entspricht die Renaissance-Version am zutreffendsten der Personenbeschreibung des Individuums, das für das aktuelle Geschehen verantwortlich ist: ein verwirrter, unrasierter Hausmeister kurz vor der Pensionierung, mit grimmigem Gesichtsausdruck, im Nachthemd.

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Tapfere Ritter

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uch Märchen sind nicht mehr das, was sie einmal waren.
Die Zeit der tapferen Ritter und listigen Schuster, der verletzlichen Prinzessinnen, Drachen und der sich in ihrer Bosheit überbietenden Stiefmütter ist vorbei. Elf verschwitzte, gleich uniformierte Vertreter der niederen Mythologie beherrschen die Szene souverän und genießen einen Heldenstatus, obwohl sie nicht zu den Klängen einer magischen Harfe, sondern nur nach einer Pfeife tanzen.

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Regenpfütze

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amals bemerkte ich nach dem Gewitter diese Regenpfütze, gleich neben dem Gleisbett der Schmalspurbahn. Im stillen, nassen Element sah ich den Rasen und den Himmel – die Wolken schwebten zwischen den Grashalmen. Sobald ich die perfekte Harmonie mit den Fingern berührte, blieb nur kaltes Regenwasser.

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Kalokagathie

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ie Wiege der europäischen Kultur ist inzwischen so verschuldet, dass niemand mehr an Wir werden das Kind schon schaukeln glaubt. Euripides, Aischylos und Sophokles vermutet man in der Regionalliga, kein Fitnessstudio bietet die Kalokagathie an.

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Informationen

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indestens 40 Tote nach dem letzten Attentat; der Schachweltmeister verteidigt seine Führung; weitere Tierarten vom Aussterben bedroht; Oscarpreisträgerin lässt sich scheiden; tausende Arbeitsstellen werden abgebaut; nach einem Namen für den im Zoo geborenen weißen Bieber wird weiter gesucht
… Der freie Zugang zu Informationen. Die freie Wahl, welche davon ignoriert, verdrängt oder am schnellsten vergessen werden sollen.

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Symbiose

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ir finden kein Mittel gegen die sich so rasch verbreitende Dreistigkeit, Arroganz und Taktlosigkeit. Diese Parasiten sind resistent, vor allem dank der fragwürdigen Symbiose – sie helfen ihrem Wirt bei seiner Selbstverwirklichung.

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Codes

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ie schwarzen Linien und Mosaiken der Codes wurden wie Köder ausgelegt, damit unsere mobilen Götzen sie ablecken und sich mit ihren Mustern Halbwahrheiten und fragliche Botschaften einverleiben können. Danach verraten sie uns davon nur das ganz Oberflächliche.

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Gefährlicher Beruf

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chon wieder haben sie einen Journalisten geköpft.
Es ist ein gefährlicher Beruf, über die Anbeter eines weiteren einzig wahren Glaubens zu berichten. Im Gegensatz zu ihrem blutrünstigen Gott sind ihre Verblödung und ihre Messer echt – nicht erfunden.

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Meinungsumfrage

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ine Meinungsumfrage?
Meine Güte, in dem Formular darf man nur etwas ankreuzen! Diese Forschung suchte keine Wahrheiten – ohne Schimpfwörter, Fluchen und Verwünschungen kann doch kein Abbild der Realität entstehen.

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Anruf

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ch rufe dich an …

Morgen. Im Laufe der Woche. Wenn ich Zeit habe. Wenn du möchtest. Irgendwann. Lügen haben so viele Schattierungen, vielleicht deswegen wünsche ich mir, sie immer wieder zu hören. Sie klingen jedes Mal so überzeugend, besonders die geflüsterten.

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Allgemeinwissen

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llgemeinwissen und Bildung sind extrem wichtig –
Gulag, Tyrannosaurus und Fahrenheit sollten jedem ein Begriff sein! Alleine durch die Zahl der Buchstaben kommt man sonst nur schwer an König der sumerischen Stadt Uruk, an dreigeteiltes Gemälde oder Cunnilingus, männlich – besonders wenn sie senkrecht stehen.

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Gruppenfotos

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er dritte von links, 1923, Erstkommunion. Der dritte von links, 1930, Turnverein. Der dritte von links, 1942, Wachmannschaft. Der dritte von links, 1956, Vorstand.
Erstaunlich viel Zufall in diesen trivialen Gruppenfotos.

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Öko-Freaks

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ie Öko-Freaks setzen sich für die Umwelt ein, in der sie selbst keine 48 Stunden überleben würden. Ich frage mich, wie sie ihre schäbigen Shitstorms ohne Tastaturen aus Kunststoff organisieren könnten, und auch warum sie das Sonnenlicht so leidenschaftlich anbeten, obwohl es sich bestimmt nicht aus fermentierter Biomasse erzeugen lässt, und nachweislich ein Teil der von ihnen so verachteten thermonuklearen Strahlung ist.

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Stilsicherheit

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olch eine beneidenswerte Stilsicherheit findet man heutzutage selten, sogar seine Schnürsenkel und der Gürtel sind farblich aufeinander abgestimmt. Jede der eleganten Gesten seiner manikürten Hände ist einstudiert. Die Frauen vergöttern ihn – aber vergeblich, in seinem Streben nach Perfektion gibt es keinen Platz für unvollkommene Geschöpfe.

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Einzig wahr

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uch im XXI Jahrhundert immer noch im Angebot: Der einzig wahre Glaube an einzig wahre Götter, bezeugt und dokumentiert in den Lehren der zahlreichen einzig wahren Propheten. Die einzigartige Hochkonjunktur der Bauernfänger dauert ununterbrochen an.

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Entschlackung

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ntschlackung, Beckenboden-Übungen, autogenes Training, Yoga. Das volle Programm. Und das alles nur, um diese verlorene Kleinigkeit wiederzugewinnen, deren Name aus drei schlichten Wörtern besteht: Selbst-Wert-Gefühl.

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Der Weiße Hai

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ieser Weiße Hai! Schon wieder hat er eine Dokumentation verdient. Ich beneide ihn weniger wegen seiner seit Millionen von Jahren perfekten, stromlinienförmigen Präsenz, als um den Respekt, den ihm die Umgebung zollt. Dieser Neid steckt in mir fester, als der Peilsender in seiner Rückenflosse.

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Moderne Alchemie

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ie glauben, alles lässt sich in Gold umwandeln, wenn man nur weiß wie. In dem Periodensystem dieser modernen Alchemie heißt das Elementsymbol der Substanz, aus dem ihr Stein der Weisen besteht, BWL, seine Ordnungszahl ist, wie zu erwarten, Null. Und auch die Resultate der Transmutationen bleiben dem Geiste der okkulten Experimente weiterhin treu.

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Stein, Schere, Papier

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räume zu Papier zu bringen, dieses mit einer Schere in Tausend Schnipsel zu zerschneiden und dann unter einem Stein zu begraben, das entspricht nicht ganz den Regeln des Spieles – in Stein, Schere, Papier gibt es Platz für Zufall und Hoffnung. Anders als in dieser Wirtschaftsvariante des Spieles.

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Uhren

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hren sagen viel über ihre Besitzer.
Es ist dabei ziemlich egal, ob man die Zeit in einem goldenen Gehäuse oder nur in einer schlichten Schale aus Stahl gefangen hält. Entscheidend sind die eingesetzten Fesseln: Die per Hand tagtäglich Angelegten begünstigen ein persönliches Verhältnis – man erfährt das leise, taktvolle Klagen der Zeit. Die modernen Fesseln mit Batterien halten die Zeit sehr effektiv, zwei Jahre lang – wie eine Herde Schafe hinter einem elektrischen Zaun – aber man hört nichts, nicht einmal das Blöken.

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Stille

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tille ist manchmal deswegen so deprimierend, weil man ungewollt die eigenen Gedanken hören kann. Glücklicherweise leisten schon preiswerte Kopfhörer eine sehr wirksame Abhilfe: die Berieselung mit einer beliebigen Mischung aus Klängen, die nicht nur die Ohren betäuben.

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